Über die Kultur der Barmherzigkeit

Eigentlich war ich schon immer ein spiritueller Mensch. Aber in den vergangenen drei Jahren sind in meinem Leben ein paar Dinge passiert, die mich noch stärker in meiner Spiritualität gefestigt haben. Es war die Erfahrung einer bedrohlichen Erkrankung in unserer Familie, die mich veranlasste, mich noch intensiver mit der Frage nach dem Sinn des Lebens auseinander zu setzen.

Ich habe viele philosophische Texte gelesen. Ich habe viele Gespräche geführt. Ich habe regelmäßig meditiert.

Aber zum wichtigsten Ritual, dem ich in meinem Leben Raum gegeben habe, hat sich die tägliche Lesung in der Bibel entwickelt. Dabei bin ich eigentlich keine Kirchenbesucherin. Im Gegenteil: meine persönlichen Erfahrungen mit allen Formen der institutionalisierten Religiosität haben eher abschreckend auf mich gewirkt.

Auf meinem Weg durch die Bibel entdecke ich immer häufiger Antworten auf zahlreiche aktuelle Fragestellungen, die mir tagtäglich begegnen. Ich habe beschlossen, über diese Erfahrungen auf meiner Homepage zu schreiben. Vielleicht liest es jemand. Vielleicht fühlt sich jemand angesprochen. Vielleicht hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht und freut sich über eine vertraute Seele. All das würde mich freuen. Das wichtigste aber ist für mich, dass ich es aufschreibe und dazu ein Kommunikationsmedium nutze, das mir vertraut ist.

Ein zentraler Begriff, der uns sowohl im Alten als auch im Neuen Testament immer wieder begegnet, ist der der Barmherzigkeit. Es scheint sich hierbei um eine Art Schlüssel zu handeln, der uns zu einem Leben im Einklang mit uns selbst und unserer Umwelt führen kann. Was ist das eigentlich, Barmherzigkeit, habe ich mich gefragt und zahlreiche Antworten gefunden.

Wir unterscheiden sieben leibliche und sieben geistige Werke der Barmherzigkeit. Diese sind so konkret und praktischer Natur, dass man sie ganz leicht in den persönlichen Alltag integrieren kann. Ich schreibe sie einfach mal auf.

Die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit:

1. Die Hungrigen speisen
2. Den Dürstenden zu trinken geben
3. Die Nackten bekleiden
4. Die Fremden aufnehmen
5. Die Kranken besuchen
6. Die Gefangenen besuchen
7. Die Toten begraben

Die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit:

1. Die Unwissenden lehren
2. Den Zweifelnden recht raten
3. Die Betrübten trösten
4. Die Sünder zurechtweisen
5. Die Lästigen geduldig ertragen
6. Denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen
7. Für die Lebenden und die Toten beten

Am besten gefällt mir persönlich das geistige Werk Nummer 5: die Lästigen geduldig ertragen. Der Gedanke daran hilft mir sehr, wenn mir im Alltag Menschen so richtig auf die Nerven gehen. Etwas schwerer fällt mir dann schon das geistige Werk Nummer 6: denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen. Das ist nicht so einfach wie es klingt. Zu lächeln und einfach zu verzeihen, wenn ich frontal angegriffen werde.

Allen Werken der Barmherzigkeit wohnt der Grundgedanke der Liebe inne.

Die umfassendste Definition des Liebesbegriffs bietet uns der Paulus-Brief an die Gemeinde von Korinth in seinem 13. Kapitel.

1. Korinther 13, 1 - 8:

"Ich zeige euch jetzt einen anderen Weg, einen, der alles übersteigt:
Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.
Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte, und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf."

Paulus bedient sich in diesem Text einer Bildersprache mit vielen malerischen Umschreibungen.
Jesus hingegen fasst sich kurz, lässt aber keine Zweifel offen.

Matthäus 22,37–40:

"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.
Dies ist das wichtigste und erste Gebot.
Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten."

Da muss jetzt jeder für sich selbst entscheiden, wie er oder sie "Gott" definiert.
Gott zu lieben kann vieles bedeuten: den verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Kosmos zum Beispiel.
Der Phantasie und Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt.

Zum Thema Nächstenliebe habe ich noch ein schönes Zitat. Es stammt von Mark Twain.

"Bevor man anfängt, seine Feinde zu lieben, sollte man seine Freunde besser behandeln."


Zurück zur Barmherzigkeit.

Im Gegensatz zu den Werken der Barmherzigkeit stehen die sieben Todsünden. Damit habe ich mich zu Beginn sehr schwer getan. Ich weigere mich einfach, an einen strafenden Gott (oder eine Göttin, wahrscheinlich ist es aber ein "es", weder männlich noch weiblich) zu glauben, dem etwas daran gelegen ist, uns zu züchtigen. Dann habe ich mir die sieben Todsünden einfach einmal angesehen.

Sie heißen:

1. Hochmut
2. Neid
3. Zorn
4. Trägheit
5. Geiz
6. Völlerei
7. Wollust.

Eigentlich ist damit auch alles gesagt.

Tod bedeutet das Ende alles Lebendigen, Kälte und Erstarrung.
Sind es nicht genau die mit den sieben Todsünden verbundenen Charaktereigenschaften, die uns von der Wärme und Liebe des Lebens trennen?

Nur die Liebe vermag den Tod zu besiegen. Sie reicht weit über ihn hinaus.

.... Fortsetzung folgt ....

Letzte Aktualisierung: 14. Februar 2010

Startseite