Von wegen Spagat!

Über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf


Nie werde ich den letzten Arbeitstag vor meiner ersten Babypause vergessen. Es war vor 17 Jahren und 4 Monaten. Hochschwanger ging ich aus meinem Büro in der Schule nachhause, atmete "tief in den Bauch" und dachte erleichtert: "Das war's! Jetzt kann ich mich ganz entspannt zurück lehnen. Nie wieder muss ich mich irgendwelchen Existenzkämpfen und Rangeleien im Job stellen. Ich werde eine gute Mutter, und gute Mütter arbeiten nicht!"

Falls Sie jetzt ein vernichtendes Wutgefühl in sich aufsteigen spüren, so kann ich das in gewisser Weise nachvollziehen. Lesen Sie trotzdem weiter! Ich war damals noch ziemlich jung. :-)

Ich packte unsere sieben Sachen und folgte meinem Mann in eine fremde Stadt. Sie war genau 69 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt - eine unüberbrückbare Distanz also. Ich wurde ein erstes Mal Mutter, 14 Monate später ein zweites Mal und entsprach irgendwie gar nicht dem glücklichen Mutterbild meiner Phantasie. Hatte ich für dieses Leben wirklich Abitur gemacht und studiert? Für das Waschen von Bergen schmutziger Babywäsche und den Besuch pädagogisch wertvoller Familienbildungsstättenkurse zum Thema "Musikgeräte selbst herstellen"?

Mein Aha-Erlebnis verdanke ich meinen Töchtern. Es fand während eines Mittagessens statt und hat mit Spinat zu tun. Sie wollten ihn nicht essen. Den frisch gekochten Spinat nicht, die dazugehörigen Salzkartoffeln nicht, und das Spiegelei schon gar nicht. Sie hatten eben keinen Hunger, und es war ihnen ziemlich egal, dass ihre Mutter den größten Teil ihrer persönlichen Wertschätzung aus der Zubereitung kleinkindgerechter Gesundheitsmenues schöpfte. Um es kurz zu machen: die beiden verschmähten Teller flogen gegen die Wand. Nicht durch die Kinder! Ich habe sie geworfen.
Während ich die von mir selbst produzierte Sauerei wieder sauber machte, wurde mir klar, dass dies nicht mein Leben sein konnte. Ich wusste noch nicht, wie ich meinen Plan umsetzen würde, aber mein Entschluss stand fest. Ich suchte mir einen Job.

Seitdem war ich immer berufstätig. Auch als Tochter Nr. 3 und Nr. 4 im Doppelpack in mein Leben traten. Es war zwar nicht immer der heißbegehrte Teilzeitjob, aber zumindest die freiberufliche Tätigkeit war immer irgendwie drin. Wenn ich heute als vollzeitberufstätige Mutter von 4 Töchtern in klugen Erziehungsratgebern vom berühmten "Spagat zwischen Familie und Beruf" lese, dann kann ich darüber nur müde lächeln. Was ist schon ein blöder Spagat gegen den alltäglichen Wahnsinn? Beim Spagat kann man wenigstens noch Hilfestellung beantragen! Berufstätige Mütter kämpfen in der Regel allein. Und sie haben genau zwei Möglichkeiten:

Möglichkeit Nr. 1: sie werden Bundesfamilienministerin und scharen fortan einen ganzen Stab von Bediensteten um sich.

Möglichkeit Nr. 2: sie finden sich rechtzeitig damit ab, dass sie zwar viel leisten müssen, dafür aber nur einen Bruchteil ihres Einkommens für sich behalten können, denn die Erwerbstätigkeit einer Mutter ist ein kostspieliges Vergnügen. Allein die Beschäftigung der erforderlichen Babysitterinnen und Babysitter, derer es bedarf, um die zeitlichen Unvereinbarkeiten zwischen Kindergarten / Schule und Arbeitgeber überbrücken zu können, kostet ein Vermögen. Man kann es jedoch auch positiv sehen: wie viele deutsche Schülerinnen und Schüler wären sonst nicht in der Lage, ihre Handyrechnungen zu zahlen?

Hat frau sich aus Gründen der mangelnden Umsetzbarkeit von Möglichkeit Nr. 1 für Möglichkeit Nr. 2 entschieden, bedarf es einer gewissen strategisch ausgerichteten Logistik. Hier mein 5-Punkte-Plan:

TOP 1: Den Partner auf Kurs bringen! Ist dies mangels Partner nicht umsetzbar, Ersatzpartner suchen! Partner kann auch durch Freundin oder Familie ersetzt werden. (In dem Punkt habe ich wirklich Glück. Mein Mann ist der absolute Jackpot.)
TOP 2: Die eigene Brut überzeugen, dass eine glückliche berufstätige Mama mehr bockt als der nörgelnde Wischmop auf 2 Beinen, der den ganzen Tag zuhause ist.
TOP 3: Das eigene Netzwerk reflektieren und notfalls ausbauen. Der eindeutige Vorteil liegt im Hier und Jetzt: noch nie waren so viele Mütter berufstätig und brauchen wegen des sonst wegfallenden Rentenanspruchs auch kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Schließlich nehmen wir nur unsere gesellschaftliche Verantwortung war und wollen im Alter niemandem auf der Tasche liegen.
TOP 4: Den Alltag gut durchorganisieren und Zeitpuffer einbauen. Sich von perfektionistischen Vorstellungen eines mittäglichen Dreigängemenues verabschieden. Putzen nur wenn nötig! Man muss nicht von der Erde essen können. Die meisten Familien haben Teller im Schrank.
TOP 5: Zeit für mich! Rein lustbetont. Und wenn es das Abhängen auf dem Sofa oder vor dem PC ist. Alles ist erlaubt, solange ich mich dabei erhole und es mir gut geht.

Mit diesen Grundsätzen habe ich die vergangenen 15 Jahre überlebt und neben Familie und Beruf ein weiteres Hochschulstudium erfolgreich abschließen können, ohne mich von notorischen Nörglern, Zweiflern und Besserwissern von meinem Weg abbringen zu lassen. In besonders hartnäckigen Fällen habe ich meine Ohren ganz einfach auf Durchzug geschaltet. Das funktioniert! Ganz besonders gut in Zeiten höchsten familiären Wellengangs, in denen es gefährliche Klippen zu umschiffen gilt. In solchen Zeiten suche ich intensiv nach einem trostspendenden Leuchtturm am Horizont, der mir den Weg zum sicheren Ufer weist, um wieder festen Boden unter den Füßen gewinnen zu können.

Um es auf den Punkt zu bringen: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist möglich. Sie erfordert allerdings von der berufstätigen Mutter Eigeninitiative, Flexibilität und viel Kraft. Vor lauter Sorge, den Anforderungen des Arbeitgebers wegen familiärer Belastungen nicht gerecht werden zu können, powern berufstätige Mütter in der Regel 150 % der geforderten Leistung. Belohnt werden sie dafür allerdings nicht! Die wenigen Führungspositionen in weiblicher Hand im öffentlichen Dienst zum Beispiel werden in der Überzahl von kinderlosen Frauen besetzt. Und das dann wiederum in Arbeitsfeldern, welchen überwiegend weibliche Attribute zugeordnet werden wie zum Beispiel die kommunale Organisation von Kindergärten, Schulen, Jugendarbeit.....

Böse Zungen könnten dahinter gar eine eindeutige Absicht vermuten: kinderlose Frauen haben nicht wirklich Einblick in die Bedürfnisse der oben genannten Zielgruppe. Das spart Kosten. Aber das können wirklich nur ganz böse Zungen behaupten.

© Ute Sauerwein-Weber, Erziehungswissenschaftlerin M.A.
Bargteheide, den 23. August 2006

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