Sevara


Es war einmal ein kleines Dorf. Das trug den Namen "Sevara".

Es war ein sehr gemütliches Dorf, denn es lag eingebettet in grünen Wiesen und Wäldern in einem romantischen Tal, umgeben von schneebedeckten hohen Bergen. Die Bewohner des Dorfes liebten ihre Heimat über alles und gingen glücklich und zufrieden jeden Tag auf´s Neue ihrer Arbeit nach.

Obwohl die Sevaraner alle völlig unterschiedlich waren, gab es dennoch nur selten Streit, denn sie alle achteten sich in ihrer Unterschiedlichkeit. Und niemand verspürte jemals den Wunsch, das kleine Dorf zu verlassen.

Eine jedoch unter ihnen trug in sich eine große Sehnsucht und verspürte den unbändigen Wunsch zu erfahren, was sich hinter den Bergen offenbaren würde. Denn obwohl es auch ihr in dem kleinen Dorf sehr gefiel, erschien es ihr durch die hohen Berge doch sehr eingeengt zu sein und so manches Mal träumte sie davon, in die Ferne blicken zu können.Und so ging sie zu jedem einzelnen Bewohner des Dorfes, um ihn nach seiner Meinung zu fragen.

"Kannst Du mir sagen, was hinter den Bergen ist?", fragte sie die Lebenslustige. "Was interessiert mich das? Hier gibt es jeden Tag genug zu feiern! Was interessiert mich, was es vielleicht woanders gibt?"

"Möchtest Du nicht auch gern wissen, was hinter den Bergen ist?", wandte sich die Suchende darauf an die Ängstliche. "Um Gottes Willen, das würde ich mich nie trauen. Hast du mal überlegt, was für Gefahren dort lauern?" Darüber hatte die Suchende noch nie nachgedacht.

Aber ihre Sehnsucht war größer als die Gedanken an mögliche Gefahren. Sie wollte erfahren, wie es anderswo ist. Sie wollte wissen, wie die Welt jenseits der großen Berge aussieht. Dass es diese andere Welt gab, daran hatte sie keinen Zweifel.

So wandte sie sich weiter an die Unschlüssige. "Würdest du mit mir gehen, um herauszufinden, was hinter den Bergen ist?" "Ich weiß nicht, vielleicht, vielleicht auch nicht", war die Antwort.

"Ich möchte doch zu gern wissen, was hinter den Bergen ist", sprach die Suchende zu der Nörglerin. "Das ist wieder typisch für dich! Immer musst du aus der Reihe tanzen!" Beschämt wandte sich die Suchende ab und machte sich niedergeschlagen auf den Weg zur Tatkräftigen.

"Ich werde die Frage nicht los, was sich hinter den Bergen befindet, aber niemand will mir darauf eine Antwort geben." "Warum gehst du nicht einfach los und findest es heraus?" wunderte sich die Tatkräftige. 'Ja, das wäre eine Möglichkeit', überlegte die Suchende verwundert darüber, dass sie noch nicht selbst auf diesen Gedanken gekommen war. Aber war das wirklich so einfach? Einfach losgehen und alles hinter sich lassen?

"Ich würde ja gern, aber ich möchte auch nicht ohne die Menschen aus unserem Dorf sein, denn sie sind mir genauso wichtig wie meine Sehnsucht." "Dann lass uns doch einfach alle aufbrechen, um gemeinsam herauszufinden, was es außerhalb der Grenzen unseres kleinen Dorfes gibt! Hey du, komm doch auch mit! Wir wollen uns auf den Weg machen, um die Welt zu entdecken!"

"Och ja, da komm ich wohl mal mit!", meinte der Mitläufer. "Ich auch", zischte die Schadenfrohe. "Das will ich mir nicht entgehen lassen!"

So verabredeten sie sich zum Aufbruch am nächsten Morgen und gingen alsbald müde und voller Erwartung auf den nächsten Tag zu Bett.

Unterdessen verbreitete sich die Nachricht vom bevorstehenden Aufbruch im Dorf wie ein Lauffeuer. Erst tief in der Nacht kehrte Ruhe ein.

Als die vier am nächsten Morgen mit geschnürten Bündeln zur Abreise auf dem Dorfplatz bereit standen, wunderten sie sich sehr, daß sich mittlerweile das ganze Dorf dort reisefertig versammelt hatte. Selbst die Ängstliche überwand ihre Furcht, denn sie hatte viel mehr Angst, allein und verlassen im Dorf zu bleiben, als die Gefahren der Reise auf sich zu nehmen.

Und so machten sie sich gemeinsam auf die lange beschwerliche Reise. Zunächst galt es, die hohen schneebedeckten Berge zu überwinden. Der Weg war mühsam. Es gab weder Pfade noch Wegweiser, noch Brücken über reißende Bäche. Und an jedem Hindernis meldete sich die Nörglerin mit ihrer Kritik an dem gemeinsamen Unterfangen zu Wort.

"Wären wir doch in unserem gemütlichen kleinen Dorf geblieben", jammerte auch immer wieder die Ängstliche. Und nur die Schadenfrohe hatte ihre Freude daran, wenn es so manches Mal weder ein Vor noch ein Zurück zu geben schien.

Doch irgendwie schafften sie es immer wieder, sich zusammenzuraufen und alle auftauchenden Hindernisse zu überwinden. Erschöpft aber glücklich erreichten sie schließlich den Gipfel. Jenseits der Berge erstreckte sich ein weites und fruchtbares Land . Begeistert, neugierig und voller Hoffnung zogen die Sevaraner weiter.

Nach einiger Zeit erblickten sie eine wundervolle, farbenprächtige Blumenwiese. Schmetterlinge in allen Farben und Formen flatterten im sanften Wind ihre Kreise. Bienen und Hummeln summten von Blüte zu Blüte. "Mensch, ist das toll, hier bleibe ich!" jauchzte die Lebenslustige voller Begeisterung und machte sich gleich daran, einen bunten Strauß zu pflücken. "Ist das dein Ernst?" fragte die Suchende, denn sie wähnte sich noch nicht am Ziel der Reise. Doch die Lebenslustige war durch nichts auf der Welt zu bewegen, die Reise weiter fortzusetzen. "Geht doch schon vor, ich komme nach. Ich finde euch schon wieder!"

So zogen die anderen ihres Weges.

"Was ist das?" erstaunte sich der Mitläufer. Wie aus dem Nichts erblickten sie einen Pfahl. Er war voller Wegweiser, die in alle Himmelsrichtungen wiesen. Doch das Erstaunliche war: keiner der Wegweiser war beschriftet. Ratlos betrachteten alle diesen merkwürdigen Wegweiser.

"Was sollen wir jetzt machen, Freunde?" fragte die Unentschlossene. "Ich glaube, dies ist ein Zeichen", mutmaßte schließlich die Tatkräftige. "Hier muß jeder von uns seinen eigenen Weg finden! Ich werde nach Osten gehen."

"Da gehe ich mit," sagte der Mitläufer. So verabschiedeten sich die beiden von ihren Freunden, wünschten sich gegenseitig alles Gute auf ihren Wegen, sprachen sich Tatkraft, Mut und Hoffnung zu und und zogen gen Osten.

"Mir macht das Angst! Ich will nicht allein weitergehen!" jammerte die Ängstliche. "Dann komm doch mit mir zurück", war der Vorschlag der Unentschlossenen. "Ich kann mich sonst für keinen Weg entscheiden." Wieder waren es zwei weniger.

"Das haben wir jetzt davon," nörgelte die Nörglerin und folgte dem Pfeil nach Norden. "Na, weißt du jetzt endlich, was hinter den Bergen ist" stichelte die Schadenfrohe. "Ist es das, was Du zu finden gehofft hast? Hast du dir dieses hier gewünscht?"

"Nein, und ich weiß jetzt auch nicht, wie es weitergehen soll." "Na, dann mach dir mal jetzt allein deine Gedanken", entgegnete die Schadenfrohe und trollte sich ihres Weges.

Nun war die Suchende ganz allein, und so fühlte sie sich auch. Hatte sie wirklich das Richtige getan? Wohin sollte sie jetzt gehen? Alle Freunde hatten sie verlassen.

Zu ihrer Sehnsucht nach dem Unfassbaren gesellte sich das verzweifelte Gefühl der Einsamkeit. Und so blieb sie lange Zeit sitzen, allein mit sich und ihren Gedanken, die wie Blei auf ihr zu lasten schienen.

("Mein Weg ist mein Weg" von Klaus Hoffmann)

Als sie nach langer Zeit wieder auf den Wegweiser blickte, wusste sie immer noch nicht, welchen der vielen Wege sie einschlagen sollte und welches Ziel sie erwarten würde. Doch hatte sich trotzdem etwas verändert in der Zeit ihrer Traurigkeit.

Sie wusste plötzlich, dass sie ihrem eigenen Weg trauen konnte.

Sie erhob sich, sich wieder leichter fühlend, blickte nochmals kurz zurück und wählte sich dann ihren ureigenen Weg.

Letzte Aktualisierung: 14. Februar 2010

Startseite